Schwarzwälder Trachten und ihre Geschichte(n)

Er ist nur einer unter 158 verschiedenen Kopfbedeckungen die durch die Hand von Helga Reichenbach gehen. Aber er ist längst zum Markenzeichen für den gesamten Schwarzwald
geworden: der Bollenhut. Sein auffälliges Erscheinungsbild sorgte erst jüngst bei der Weltausstellung in Shanghai wieder für Aufsehen. Helga Reichenbach sieht die Entwicklung nicht nur mit positiven Gefühlen: Bald wird es mehr Bollenhüte aus Asien geben als Originale. In der Heimt des Bollenhuts hingegen sieht sich die Hochschwarzwälderin bereits heute an der Seite Gabriele Aberle aus Gutach als eine der letzten traditionellen Hutmacherinnen im Schwarzwald.

Foto:Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof, Gutach

Die Herstellung eines originalen Gutacher Bollenhuts ist eben auch nicht gerade ein Kinderspiel- jedenfalls nicht für Laien.In ganz Europa gibt es heute keine einzige Fabrik mehr,die Strohbänder mit Baumwollfäden näht, weiß Helga Reichenbach. Schon jetzt wird daher notgedrungen das Ausgangsmaterial für den Bollenhut aus Thailand geliefert. In einem ersten Schritt näht Reichenbach daraus einen Strohhut, der mit Knochenleim geleimt und anschließend gedämpft und gepresst wird.Ein Nylonfaden würde da auseinandergehen
und sich auflösen, erklärt die Näherin, die im Heimethus am Scheffelbach in Schluchsee traditionelle Trachten nach Maßvorgaben fertigt. Der Bollenhut ist nur eine von 158.
Im nächsten Arbeitsgang wird der Strohhut „gwießlet“, wie die Handwerkerin das „Weißfärben“ mit Alabastergips nennt. Das Material müsse durch die dünne Gipsschicht noch zu erkennen sein, darauf legt sie Wert. Dann geht es ans Bollen nähen. 14 sind es insgesamt: elf große und drei im Ansatz erkennbare.Sie werden in drei Kreuzen am Hut befestigt – rote für ledige, schwarze für verheiratete Gutacherinnen. Dann noch zurecht-schneiden und den Hut füttern. Alles in allem benötigt die geübte Hand für einen Hut knapp zwei Tage. Gelernt hat sie das Handwerk von ihrer Großmutter: „Meine Mutter stand lieber in den Reben und hat Schnaps gebrannt. Aber meine Tochter will bald in meine Fußstapfen treten und das Geschäft später weiterführen“, sagt Helga Reichenbach, die seit mehr als 40 Jahren am Nähtisch sitzt.

Seinen eigentlichen Ursprung hat der Bollenhut nebst schwarzweißer Tracht in drei Dörfern des ehemals württembergischen Amts Hornberg: in Gutach, Kirnbach und Reichenbach. Einer Anweisung durch die Kanzlei aus dem Jahr 1797 lässt sich entnehmen, dass auf die Strohhüte der Region „die übliche Dekoration von schwarzer und roter Farbe“ aufzutragen sei. Dem einfachen Aufmalen folgte das Aufnähen kleiner Wollrosen, die im Laufe des 19. Jahrhunderts immer größer wurden. International bekannt wurde der Bollenhut durch den Heimatfilm „Schwarzwaldmädel“, der 1950 als erster deutscher Farbfilm ins Kino karn. Hauptdarstellerin Sonja Ziemann wurde in der Tracht zur Ikone einer Bilderbuchlandschaft.
Und die Schwarzwald Tourismus GmbH machte aus dem Symbol ihr Markenzeichen für den gesamten Schwarzwald. „Warum reden alle immer nur vom Bollenhut“, klagt indessen Helga Reichenbach. „Der Schwarzwald hat so viele wunderschöne Trachten zu bieten: Ihre ganz persönliche Lieblingstracht ist ohnehin die der Hochschwarzwälder. Allerdings sei diese ganz aus Gold und Seide gestickte, Tracht auch die mit Abstand teuerste – und langwierigste in der Herstellung. Allein für die Stickereien auf dem Oberteil benötige sie rund 2.200 Arbeitsstunden. Neben all den Hüten, Miedern und Röcken in ihrer Werkstatt fallen besonders die mit Perlen und Flitterzeug versehenen Schäpel auf, die an Festtagen getragen werden. Außer an Trachtenfesten sind die typischen Festtagskleider der Schwarzwälder heute in den beiden Werkstätten in Gutach und Schluchsee sowie in Trachten- und Heimatmuseen, zum Beispiel in Haslach und Triberg, zu bewundern.Artikel von Reinhold Wagner

Infos:
Heimethus am Scheffelbach, Helga Reichenbach
Unterfischbach 12, 79859 Schluchsee, Tel. 07656-1347
Kunstgewerbliche Werkstätte, Gabriele Aberle
Lehmbauernweg 6, 77793 Gutach, Tel. 07833-1817