Allgemein

Ein Buch aus dem Schwarzwald: „Ein kleiner Händler, der mein Vater war“ – Lotte Paepcke in Freiburg und Pater Middendorf in Stegen

Der Schwarzwald ist vielfältig und besteht gewiss nicht nur aus Natur, Handwerk, Wintersport und Idylle. Schließlich haben in diesem höchsten deutschen Mittelgebirge auch Schriftsteller gelebt oder die Region bereist und erwandert, so Mark Twain oder Ernest Hemingway. Für längere Aufenthalte lockte vor allem Badenweiler, Anton Tschechow verbrachte hier seine letzten Tage, Hermann Hesse absolvierte eine wohltuende Kur, Annette Kolb und René Schickelé riefen zur Versöhnung der Erbfeinde Frankreich und Deutschland auf – darüber unterrichtet in Badenweiler das Literarische Museum „Tschechow-Salon“. Im Schwarzwald finden sich Spuren der Weltliteratur und zudem zirkulieren hier Sagen und schaurig-schöne Märchen, etwa „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff, in dem der Kohlenmunk-Peter seine Gefühle gegen einen Stein in der Brust tauscht, um seinem elenden Köhlerleben zu entkommen.


Verständlicherweise konnte der Schwarzwald auch die NS-Diktatur nicht unbeschadet überstehen, woran Thomas Strittmatter aus Sankt Georgen mit dem Theaterstück „Viehjud Levi“ erinnert. Ein bedeutendes Zeugnis zu dieser finsteren Historie stammt aus Freiburg, nämlich der von Lotte Paepcke (1910-2000) verfasste Roman „Ein kleiner Händler, der mein Vater war“ (1972). Darin erzählt die Autorin von ihrem Vater Max Mayer (1873-1962), der mit seiner jüdischen Familie als Lederhändler in der Schusterstraße lebte; zur Zeit der Weimarer Republik engagierte er sich als überzeugter Sozialdemokrat im Freiburger Stadtrat. Pflichterfüllt war er sogar fürs Vaterland in den Ersten Weltkrieg gezogen, musste dann aber das Elend der Nazi-Herrschaft erleben. Am 9. November 1938 werden er und andere Bürger verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau verschleppt; erst nach Wochen kommt Max Mayer zurück, schwer gezeichnet und seiner Existenz beraubt. In der Nacht vor Kriegsbeginn gelingen ihm und seiner Frau Olga die Flucht in die USA; als Emigrant in New York wird er zu einem der zahllosen vertriebenen Deutschen. „Ein kleiner Händler, der mein Vater war“ ist nun, nachdem das Buch lange vergriffen war, neu aufgelegt worden, erweitert um einen Brief, den Max Mayer 1938 an seinen Enkel Peter geschrieben hat; auf dem Buchcover (s. Anlage) hält er eben diesen Sohn seiner Tochter Lotte auf dem Arm, geboren 1935.
Lotte Mayer, verheiratete Paepcke, schildert in „Ein kleiner Händler, der mein Vater war“ den verbrecherischen Einbruch der NS-Diktatur in ihre liberale jüdische Familie. Sie selbst hatte 1933 ihr juristisches Staatsexamen abgelegt, das Referendariat war ihr untersagt. Durch ihre Heirat mit dem Philologen Ernst Paepcke, die laut „Nürnberger Gesetze“ als „privilegierten Mischehe“ galt, entging sie zunächst der Deportation, lebte aber unter ständiger Gefahr. Im Zuge von Zwangsarbeit erkrankt, kehrte sie 1942 illegal nach Freiburg zurück und fand ab November 1944 Hilfe im Kloster Stegen bei Pater Heinrich Middendorf (1898-1972), getarnt als Mitarbeiterin. Der katholische Priester gewährte in den letzten Kriegsjahren auf dem Klostergelände etwa 150 höchst unterschiedlichen Menschen Zuflucht: „Die Aufgenommenen wurden nicht nach ihrer Gesinnung ausgewählt, sondern nur nach der augenblicklichen Not (…). Die einen fürchteten die Gegenwart, die anderen die Zukunft. Und alle fürchteten sich voreinander“, berichtet Lotte Paepcke in einem anderen ihrer Bücher („Unter einem fremden Stern“). Middendorf war der erste deutsche Priester, dem 1994 postum der Titel „Gerechter unter den Völkern“ durch den Staat Israel verliehen wurde – diese Geschichte (mehr dazu: www.kolleg-st-sebastian.de) verbindet den Schwarzwald mit New York und mit Yad Vashem.
Auch nach dem Krieg setzte Lotte Paepcke, die später in Karlsruhe lebte, die Ermordung von Angehörigen stark zu, unter diesen waren ihre Freundin Lilli Jahn sowie ihre Großmutter Helene Nördlinger. Zudem verletzte es sie, wie „deutsche Volksgenossen“ auf die Begegnung mit ehemals verfolgten Mitbürgern reagierten, nicht nur durch verdrängende Geschäftigkeit beim Aufbau im Wirtschaftswunder. Nichtsdestotrotz kämpfte sie für einen geistigen Neuanfang der jungen Bundesrepublik und ließ sich ihr Vertrauen in die Zivilisation nicht zerstören. Damit zeigt die Autorin in aller Deutlichkeit auch, dass Verbrechen nicht das letzte Wort haben, solange es Zeuginnen und Zeugen gibt, die sie benennen, sich dagegen auflehnen und in die Sprache tragen, wie es mit diesem sensiblen Bericht gelungen ist.

Lotte Paepcke: Ein kleiner Händler, der mein Vater war. Roman. 8grad Verlag, Mit einem Brief von Max Mayer an seinen Enkel Peter von 1938 und einem Nachwort.

Text: Cornelia Frenkel