Weicher Rücken – starkes Gemüt

Der Fuchs ist das Arbeitstier der Schwarzwälder - von Reinhold Wagner

Er gilt als genügsam und zäh, robust und langlebig. Trotz seines ruhigen, ausgeglichenen Charakters kann er kräftig zupacken, wenn es sein muss. Kinder lieben seinen weichen, anschmiegsamen Rücken, Therapeuten seine Sanftmut und Geduld, Waldarbeiter seine Zuverlässigkeit und Kraft. Die Rede ist vom Schwarzwälder Fuchs, der typischen Pferderasse aus dem Schwarzwald, und der einzigen überhaupt, die seit jeher hier beheimatet ist. Wie es sich für einen Kaltblüter gehört, standen bei seiner Zucht nie Eleganz und Sportlichkeit an vorderster Stelle. Pferderennen auf der Galopprennbahn, Hindernisparcours und Springreiten – das sollen andere machen. Der Fuchs ist auch nicht das Statussymbol der hohen Herren, die bei der Jagd, im Kampf oder bei Paraden stolz von einem hohen Rücken herab auf das gemeine Fußvolk zu blicken trachteten. Der Fuchs ist aber auch nicht das schwere, träge, ebene Straßen gewohnte Zugpferd der Brauereien, das mächtige Gewichte in der Ebene bewegen können muss. Er ist vielmehr die ideale Schnittmenge aus allem, was ein Pferd zu bieten hat. Ein Pferd, das in erster Linie dafür herangezogen wurde, einen Pflug oder Wagen, Baumstämme oder einen Schlitten auf unwegsamem Gelände bergauf und bergab über die Höhen des Schwarzwaldes zu ziehen, ohne dabei allzu schnell krank oder müde zu werden. Die Zeiten, in denen der Fuchs zum Arbeitstier erwählt und herangezüchtet wurde, waren hart. Es gab nicht viel zu Essen für Mensch und Tier, die Natur und das Klima waren rau, die Wege häufig unbefestigt und rutschig, das Gelände steil und unwegsam. Überall war Wald, ringsum Hügelland und tiefe Schluchten. Und dennoch musste die Arbeit getan sein – von früh bis spät und von Frühjahr bis Winter.

Foto: Reinhold Wagner

Das konnten nur Pferde leisten, die einen starken Rücken hatten, arbeitswillig und zuverlässig waren, dennoch aber nicht zu schwerfällig angesichts der Höhenunterschiede, die es zu überwinden galt. Und so tagte im Januar 1897 erstmals eine neu gegründete Zuchtgenossenschaft in St. Märgen, um dem seit langem heimischen St. Märgener Pferdeschlag ein einheitliches Gesicht zu geben. Der Startschuss war gegeben für die richtungsweisende Zucht einer eigenen Kaltblutrasse. Heute kennen viele den Schwarzwälder Fuchs als ansehnliches, liebevoll gepflegtes Pferd mit rotbraun bis schwarz in der Sonne glänzendem Fell, leuchtend heller, zottiger Mähne und buschigem, langem Schweif. Besonders auffällig ist der starke Kontrast zwischen dem nahezu weißen, heldengleich wallenden Haar der Mähne und dem dunklen Ton des übrigen Fells. Gerne gesehen sind auch weiße „Söckchen“ an den Fesseln oder ein heller Streifen auf Stirn und Scheitel. Viel wichtiger aber als diese Äußerlichkeiten sind den Besitzern meist die inneren Eigenschaften dieser Rasse, die zu denen eines typischen Kaltbluts eine angenehme Prise an Temperament und Wendigkeit mit einbringen. Der Fuchs ist also das Tier der Wahl für ausgedehnte Kutschfahrten, winterliche Schlittentouren durch den Schnee, romantische Hochzeiten oder gemütliche Ausritte in die nahe Umgebung.

So sieht man das Gespann aus Pferd und Mensch – nachdem es zwischenzeitig fast schon in Vergessenheit geraten war – heute wieder relativ häufig durch die Ortschaften und über die Höhen des Schwarzwaldes ziehen. Manche Anbieter von Schlitten-, Kutsch- oder Planwagenfahrten bieten besondere Arrangements an, die aus einem geführten Ausfl ug gleich einen ganzen Thementag machen. So zum Beispiel lässt sich eine Kutschfahrt durch das reizvolle Lonetal auf der Schwäbischen Alb hin zur imposanten Felsformation „Fohlenhaus“, in der sich eine kleine Höhle befindet, thematisch wunderbar als Zeitreise in die Steinzeit ausbauen. Der gelernte Archäologe und auf Archäotechnik spezialisierte Pädagoge Rudolf Walter versteht es, seine Zuhörer mitzunehmen auf eine spannende Reise, bei der vom traditionellen Fischfang über die Kunst des Feuermachens bis hin zum Höhlenleben vor rund 40.000 Jahren alles authentisch wirkt – und zum Mitmachen animiert. Beim Verkehrsamt Murg werden historische Postkutschfahrten angeboten. Herrliche Aussichten auf den Bodensee genießt der Reisende während einer Kutschfahrt in Überlingen. Und das Gasthaus Adler in Teningen-Bottingen lockt mit einer Pferdewagenfahrt in Kombination mit Weinprobe, Winzervesper und kulturgeschichtlicher Führung. Angebote gibt es aber nahezu verteilt über den gesamten Schwarzwald und darüber hinaus. Zu den Besonderheiten, bei denen speziell der Schwarzwälder Fuchs zum Einsatz kommt, gehören aber auch therapeutisches Reiten, wie es beispielsweise Annette Soehnle in Görwil anbietet – ebenso wie heilpädagogisches Reiten (zum Beispiel in Herrischried) oder ein Anti-Stress- Training, wie es der Wälderhof in Pfalzgrafenweiler-Neunuifra zwischen Nagold und Freudenstadt unter dem Titel „Sich tragen lassen“ oder „Gelassenheitstraining“ anbietet (nächster Wochenendkurs: 16.-17.6.2012). Auch etwas über die Geheimnisse der Pferdesprache (nächster Termin: 2.6.2012) kann man dort erfahren und vieles mehr. Der Hof nennt sich im Übrigen nach den Wälderpferden, einer alternativen Bezeichnung für den Schwarzwälder Fuchs.

Schließlich trifft sich die Welt der Pferdeliebhaber zu den großen jährlichen Veranstaltungen wie Zuchtschauen, Pferdemärkte und Reitturniere – immer dort, wo große Gestüte einen weit reichenden Ruf besitzen. Allem voran beim Haupt- und Landgestüt Marbach, das zugleich das älteste staatliche Gestüt in ganz Deutschland ist. Beginnt das Pferdejahr im Februar mit der internationalen Fachmesse „Pferd Bodensee“, setzt es sich fort im Schwarzwälder Pferdezüchtertag im März und im Frühjahrsmeeting auf der Rennbahn Iffezheim vom 12. bis 20. Mai. Die Europamesse „eurocheval“ in Offenburg fi ndet dieses Jahr vom 25. bis 29. Juli statt. Die Große Woche des Pferdesports präsentiert sich vom 25. August bis 6. September 2012 in Iffezheim. Das Schwarzwälder Kaltblut steht in Marbach im Mittelpunkt der Fohlenschau am 9. August 2012 und der Zugleistungsprüfung am 13. September 2012. Vom 13. bis 16. September 2012 schließt sich in Donaueschingen das Internationale S.D. Fürst Joachim zu Fürstenberg-Gedächtnisturnier an, manchen besser bekannt unter dem Kürzel „CHI“. St. Märgen stellt das Schwarzwälder Kaltblut wiederum in den Mittelpunkt seiner Schwarzwälder Pferdetage mit Hengstkörung und Pferdemarkt am 20. und 21. Oktober 2012. Zeitgleich findet in Iffezheim das Sales & Racing Festival 2012 statt, das den Abschluss der großen jährlichen Events bildet.

L i t e r a t u r – T i p p :
- Georg Grieshaber, Der Schwarzwälder Fuchs, Bildband mit großformatigen Schwarz-Weiß-
Fotografien, Haessler Verlag, Schömberg, 1998 (im Handel derzeit nahezu vergriffen)
- Haupt- und Landgestüt Marbach, www.gestuet-marbach.de mit Kinderclub „Julmonds
Marbach“, www.julmonds-marbach.de
- Internet-Fernsehen: www.ClipMyHorse.de


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