250 Jahre Goldstadt Pforzheim Eine Stadt im Wandel der Zeiten

Das Jubiläumsjahr 2017 wird in Pforzheim ausgiebig gefeiert. Mit einer Reihe von kulturellen Veranstaltungen und Ausstellungen wird an die lange erfolgreiche Geschichte seiner Schmuck- und Uhrenindustrie erinnert. Gelegenheit auch, einmal näher auf die Stadt an der Pforte zum Nordschwarzwald hinzuweisen, die nach ihrer Zerstörung gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wie ein Phönix aus der Asche aufgestiegen ist. Ein Wiedererblühen, das wohl einzigartig ist. Anlässlich des Jubiläumsjahres äußerte sich Professor Peter Bofinger, einer der Wirtschaftsweisen, zu diesem Phänomen: „Pforzheim ist es gelungen, sich auch in schwierigen Zeiten immer wieder erfolgreich neu zu erfinden und dabei den ganz besonderen, unverwechselbaren Charakter stets zu bewahren.“

Wellendorff Goldkreationen (© Wellendorff)

Wellendorff Goldkreationen (© Wellendorff)

Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass Schmuck, Uhren und Edelsteine die Phantasie beflügeln können. In Pforzheim wird das Innovative gepflegt und auf die Zukunft ausgerichtet. Derzeit werden hier etwa achtzig Prozent der deutschen Schmuckwaren produziert; eine florierende Exportwirtschaft bestätigt das weltweite Interesse an Produkten aus Pforzheim. Hier befindet sich auch Deutschlands einzige Goldschmiede- und Uhrmacherschule, die bereits 1768 als die erste Gewerbeschule der Welt gegründet wurde.

Eine Erfolgsgeschichte
Was Pforzheim bis heute ausmacht, nahm 1767 seinen Anfang, als Markgraf Karl Friedrich die Erlaubnis zur Errichtung einer „Manufaktur für Uhren und Stahlwaren“ im Pforzheimer Waisenhaus erteilte. Eigens aus Genf reisten Uhrmacher an, um die Waisenkinder handwerklich auszubilden. Es dauerte nicht lange, bis auch mit der Herstellung von Goldschmuck begonnen wurde.
Das hatte zur Folge, dass Pforzheim durch seine Bijouteriefabrikation bereits im 19. Jahrhundert Weltgeltung erlangte.

Nach diesem Aufschwung konnten sich bis 1914 siebentausend Schmuckfabriken mit dreißigtausend Werktätigen etablieren. Zu Beginn des 20.   Jahrhunderts fanden die Flößerei der im Schwarzwald geschlagenen Baumriesen sowie die einstmals florierende Tuchherstellung ein Ende, so dass die Menschen aus den armen Umlandgemeinden von einer gut gehenden Wirtschaft in der Goldstadt abhängig waren. An die Trupps der Manufakturarbeiter und -arbeiterinnen, die Tag für Tag aus den umliegenden Orten sozusagen „anrasselten“ und dazu beitrugen, dass Pforzheim zum deutschen Zentrum der Schmuck- und Uhrenindustrie wurde, erinnert das „Rasslerdenkmal“ an der Poststraße. Für den 9. Juli 2017 ist eine „Rassler-Stern-Wanderung“ angesagt. Damit wird eingeladen, auf den Spuren der Handwerker und Arbeiter zu wandeln, die damals, bepackt mit Butterdosen und mit genagelten Schuhsohlen, täglich zu Fuß in die Goldstadt kamen, um hier ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Aber keine Erfolgsgeschichte verläuft immer nur gradlinig, auch die Gewerbebetriebe von Pforzheim haben das Auf und Ab der Geschichte kennengelernt. Wenn es schlecht stand um den Absatz der schönen Dinge, die zum Luxus des Lebens gehören, blieben Entlassungen und Kurzarbeit, Nöte und soziale Spannungen nicht aus. Aber die Pforzheimer wussten sich zu helfen und ließen sich immer etwas einfallen. Als einige Fabriken auf die Herstellung von Uhrenketten und Medaillons für Taschen- und Damenumhängeuhren umstiegen, wurde in der Folge auch die zurück gegangene Uhrenindustrie deutlich wiederbelebt. Auf dem Marktplatz befindet sich ein Denkmal: der „Pforzemer Seckel“. Die Figur des typisch unbekümmerten und schlitzohrigen Pforzheimer Jungen ist das Wahrzeichen der Stadt. Vielleicht lässt sich der „Seckel“ auch als so eine Art Stehaufmännchen betrachten, stellvertretend für alle Pforzheimer.

Gasometer (© Bernhard Friese)

Gasometer (© Bernhard Friese)

Im Wandel der Zeiten
Durch Zuwanderer während der wirtschaftlichen Blütezeiten, wenn also genügend Arbeitsplätze sich boten, ist die Bevölkerung von Pforzheim stetig angewachsen. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte die Stadt 80.000 Einwohner, ein ganzes Viertel davon ist der Zerstörung vom 23. Februar 1945 zum Opfer gefallen, durch einen Angriff von sechzehn Minuten und sieben Sekunden. Es war so: Nach der letzten Serie der britischen Flächenbombardements, die mit Dresden einsetzten, blieb nur noch Pforzheim übrig, da wollten die Angreifer noch einmal besonders gründlich sein. In der Nachkriegszeit halfen die größeren Zuwanderungen durch Heimatvertriebene, Flüchtlinge und Umsiedler aus dem Osten die Stadt wieder aufzubauen, sie aus den Ruinen auferstehen zu lassen. Daran erinnert das „Haus der Landsmannschaften“ mit seinen historischen Dokumenten.

Eine Rückschau auf die früheste Geschichte
Pforzheims ermöglichen der „Archäologische Schauplatz Kappelhof“ mit seinen römischen und mittelalterlichen Ausgrabungen sowie die Villa Rustica im Hagenschieß. Geschichte und Gegenwart treffen hier vielerorts sichtbar und spannungsvoll aufeinander. Eine große, übersichtliche Gesamtschau von Pforzheims Vergangenheit zeigt das Stadtmuseum. So ist zu erfahren, dass Römer hier beim Enzübergang, an der Pforte zum nördlichsten Schwarzwald, eine kleine Postwechsel- und Raststation gründeten, der sie den sinnfälligen Namen Portus gaben. Daraus wurde später Pforzheim, eine Stadt, die auf eine wechselvolle, fast zweitausendjährige Geschichte zurückblicken kann. Eine Goldstadt, die heute weit über hunderttausend Einwohner zählt und heller erstrahlt als je zuvor.
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Der Bauingenieur Johannes Wild, der eine Stiftung zum Wohle der Stadt ins Leben rief um Kultur als „Gegenkomponente zur freien Markwirtschaft“ zu stärken, nennt in einem aktuellen Interview die Umgestaltung der Fußgängerzone als einen persönlichen Wunsch. Damit verweist er auf eine der Schattenseiten in der Innenstadt, die gegenüber anderen Bereichen in Pforzheim zurück geblieben wirken. Das sind natürlich auch noch die Nachwehen eines überhasteten, wenig geglückten Wiederaufbaus in der Nachkriegzeit. Beim Gang durch die Straßen ist vom alten Pforzheim kaum noch etwas zu finden, wurden doch der mittelalterliche Stadtkern sowie insgesamt drei Viertel des gesamten Stadtgebiets beim Luftangriff von 1945 völlig zerstört. Was zum heutigen positiven Erscheinungsbild von Pforzheim beiträgt, sind die Bauwerke, architektonischen Ensembles und öffentlichen Anlagen neueren Datums. Die Schloss- und Stiftskirche St. Michael wird mit ihren Fragmenten der Vorgängerbauten, welche bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen, als „Steinernes Geschichtsbuch der Stadt“ angesehen.

Im Hier und Heute
Erst durch einen Blick zurück in die Geschichte von Pforzheim lässt sich der Aufstieg und die heutige Ausstrahlung der Stadt gänzlich ermessen und auch verstehen, wie sie sich das Attribut Goldstadt verdiente. Sehr zu empfehlen ist dem Besucher ein Gang über die Goldschmiedemeile, die entlang des Metzgergrabens führt. Auf zehn Texttafeln am Wegrand erhält man Einblicke in den Ursprung, die Entwicklung und Besonderheit der Pforzheimer Traditionsindustrie. Die Skulpturen, die den Weg säumen, verweisen auf das kreative Zusammenwirken von Design, Kunst und Schmuck. Außerdem liegen entlang der Goldschmiedemeile die Edelsteinausstellung Schütt, das Schmuckmuseum im Reuchlinhaus und das Technische Museum der Pforzheimer Schmuck- und Uhrenindustrie, das nach knapp einjähriger Pause mit einem Festakt am 6. April 2017 wieder seine Pforten öffnet mit neuen Themen, Bezügen zur Gegenwart und einem zeitgemäßen Ausstellungskonzept. Hier wandert man sozusagen mitten ins Herz dieser Stadt.

Schmuckmuseum Pforzheim im Reuchlinhaus (© Winfried Reinhardt)

Schmuckmuseum Pforzheim im Reuchlinhaus (© Winfried Reinhardt)

Das Jubiläumsjahr
Mit über 200 Veranstaltungen und Ausstellungen, die weithin über die Stadt verteilt sind, feiert die Goldstadt Pforzheim ihr Jubiläumsjahr. Es soll ein Jubiläum zum „Teilnehmen, Staunen, Mitmachen, Entdecken und Träumen“ werden. Viele Bürger sind eingebunden, „Eigengewächse“ bekommen ihre Chance und einige Prominenz kommt von außen, Musiker und Künstler. Ihre Aufwartung machen insgesamt 28 Jubiläumsbotschafter, darunter der Berlinale-Leiter Dieter Kosslick, die Schauspielerin Ulrike Grote und der anfangs bereits genannte Peter Bofinger, sie alle sind in Pforzheim aufgewachsen.

EMMA Kreativzentrum (© Stadt Pforzheim)

EMMA Kreativzentrum (© Stadt Pforzheim)

Nicht fehlen darf S.K.H. Bernhard Prinz von Baden, ein Nachfahre des Markgrafen Karl Friedrich von Baden, vor 250 Jahren der wegweisende Impulsgeber für eine Entwicklung, die weiterhin vielversprechend ist. Die Eröffnungsgala „250 Jahre Goldstadt – Innovation“, eine öffentliche Show und mit geladenen Gästen, findet am 12. Mai im CongressCentrum Pforzheim am Waisenhausplatz statt – an der Stelle, wo alles begann. Die Zeitgenössische Manufaktur zeigt die Ausstellung „PF Revisited“ im EMMA Kreativzentrum. Aber Pforzheim blickt auch kritisch auf seine Geschichte zurück. Im Kulturverein Brühlstraße wird am 9. Mai durch die Initiative gegen Rechts „Die dunkle Seite der Schmuckindustrie“ aufgezeigt, nämlich die Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit im 2. Weltkrieg. Stichtag sowie der 75. Jahrestag dafür ist der 29.5.1942, das Datum, als die Pforzheimer Schmuck- und Uhrenfabrikation der deutschen Waffenindustrie unterstellt wurde. Eine weite Spanne vor diesem Hintergrund ist es zum „Zukunftskongress 2030 – Der Mensch in der Smart World“ (Congress Centrum 21./22. Juni). Ein Forum, bei dem es um Schlüsselfragen zur Weiterentwicklung der Wirtschaft im Zeichen der Globalisierung und um die zukünftige Position des Menschen in der digital vernetzten Welt geht.

Mehr Infos: www.goldstadt250.de

 Peter Frömmig