Zwischen Laissez-faire und Alemannischer Fasnet Geschichte und Gegenwart der Stadt Rottweil

Die älteste Stadt Baden-Württembergs befindet sich in Nord-Südrichtung etwa auf halber Strecke zwischen der Landeshauptstadt Stuttgart und dem Bodensee und gehört zum Regierungsbezirk Freiburg. Direkt am Neckar liegend, in reizvoller Landschaft, bildet Rottweil einen Angelpunkt zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb. Der denkmalgeschützte Ort ist angebunden an die Deutsche Uhrenstraße. Grund dafür sind unter anderem die Steinerne Sonnenuhr am Heilig-Kreuz-Münster, die Sonnenuhr am Stadtarchiv in der Engelgasse 13 und die Salinenuhr im Salinenmuseum, eine Turmuhr aus dem 18. Jahrhundert. Das kann interessieren. Davon abgesehen ist es einfach schön, an einem sonnigen Tag durch Rottweil zu schlendern und die Maßgabe der Zeit zu vergessen.

Überregional bekannt: Die Rottweiler Fasnet (© Tourist-Info Rottweil)

Überregional bekannt: Die Rottweiler Fasnet (© Tourist-Info Rottweil)

Wechselnde Blickwinkel
Das historisch gut erhaltene, ja gepflegte Stadtbild von Rottweil kennt in seiner Schönheit und Ausdehnung in der weiteren Umgebung keinen Vergleich. Im Sommer laden die Cafés an den breiten Hauptstraßen oder in schmalen Gässchen ein, und in schattigen Winkeln und kleinen Parks ist gut Verweilen. Nicht nur bei Regen bieten die historischen Museen eine Möglichkeit, tief einzutauchen in die Geschichte der Stadt, die bis in die Jungsteinzeit zurückreicht. Fantasievoll geht es im Puppen- und Spielzeugmuseum durch eine Sammlung aus zwei Jahrhunderten. Zeitgenössische Kunst findet sich in der Kunststiftung Erich Hauser und dem Forum Kunst am Friedrichsplatz.
Das Dominikanermuseum, wo bedeutende Funde aus der Römerzeit sowie eine Vielzahl wunderbarer mittelalterlicher Skulpturen und Bildwerke aus der Sammlung des Rottweiler Stadtpfarrers und Dekans Georg Martin Dursch gezeigt werden, führt weit in die Historie zurück. Durch die Exponate lässt sich die fast 2000 Jahre alte, wechselvolle Geschichte Rottweils nacherleben. Wir erfahren, dass die Römer sich hier bereits im Jahr 74 n. Chr. mit ihren Soldaten niederließen, Kastelle bauten, dann die zivile Siedlung Arae Flaviae errichteten. Sie besaß damals als einzige Siedlung auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württembergs römisches Stadtrecht. Später ließen sich die Alemannen hier nieder. Im Jahr 887 hielt Kaiser Karl III. in „rotuvilla“ Hof.

Mittelalterliches Stadtbild in Rottweil (© Tourist-Info Rottweil)

Mittelalterliches Stadtbild in Rottweil (© Tourist-Info Rottweil)

Es folgten die Staufer, die gegen Ende des 12. Jahrhunderts das mittelalterliche Rottweil gründeten, wie es heute noch den Kern der malerischen Stadt, ein denkmalgeschütztes Ensemble, bildet. Die freie Reichstadt hatte als aufstrebende Wirtschaftmacht, was vor allem Schmieden und Tuchmachern zu verdanken war, großen Einfluss und erlangte als Gerichtsstandort Bedeutung für den gesamten südwestdeutschen Raum. Die großartigen Kirchenbauten und prächtigen Wohnhäuser zeugen davon. Während des 30-jährigen Krieges kam es zu einem tiefen Einschnitt in der Stadtgeschichte. Doch Rottweil erholte sich wieder und erlangte im 19. und 20. Jahrhundert zunehmende Bedeutung erst als Oberamtsstadt, dann als Kreisstadt und wurde schließlich 1970 zur Großen Kreisstadt erhoben.

Beschaulicher Stadtrundgang
Die Stadt schiebt sich großteils hoch über das Neckartal hinauf. Wenn man von oberhalb durch das Schwarze Tor tritt, wo alljährlich zur Fasnet der weithin bekannte Narrensprung beginnt,
führt eine breite, mit stattlichen Gebäuden gesäumte Straße steil nach unten. Von hier aus hat man den besten Blick auf die Schwäbische Alb, sie liegt sozusagen direkt gegenüber. Zu den Besonderheiten der Stadt gehört die Hochbrücke, die über den schwindelerregend tiefen Stadtgraben führt, in den man hinabsteigen kann. Auf einladende Weise als Park gestaltet, gehört er mit seinem vielen Grün zu den schattigsten und kühlsten Stellen innerhalb von Rottweil. Wer die Stadt erkundet, findet noch weitere grüne Oasen mitten im Zentrum, wie den idyllisch versteckten Kameralamtsgarten oder den Bockshof an der Stadtmauer, der im Sommer Kulisse für Aufführungen des Freilichttheaters ist. Weiter unten am Neckar, in tiefes Grün getaucht, befinden sich die ehemalige Pulverfabrik sowie das 1975 stillgelegte Gebäude des Kraftwerks Rottweil, heute ein lebendiges Kultur- und Veranstaltungszentrum.

Das 1975 stillgelegte Kraftwerk Rottweil ist heute ein lebendiges Kultur- und Veranstaltungszentrum (© Tourist-Info Rottweil)

Das 1975 stillgelegte Kraftwerk Rottweil ist heute ein lebendiges Kultur- und Veranstaltungszentrum (© Tourist-Info Rottweil)

„Mittelalterliche Bauwerke, das Spiel der Brunnen, der Glockenschlag der Kirchtürme sind beschaulicher Hintergrund für das pulsierende Leben Rottweils“. So stellt sich die Stadt dar, und so kann man sie in der Tat bei einem Besuch erleben. Bei einem Rundgang fallen zuerst die vielen prächtigen Fassaden der Bürgerhäuser mit ihren schönen Erkern auf. Dazu das beeindruckende Alte Rathaus aus dem 14. Jahrhundert, ein wahrer Schatz. Nicht zu vergessen die erstaunlich vielen Brunnen, die den Weg markieren, ganze fünfzig sind es an der Zahl. Brunnen von der Römerzeit, über das Mittelalter bis zur Gegenwart, die an Plätzen der Begegnung oder in stillen Winkeln zu finden sind. Ein jüngerer Brunnen von 1979 steht im Hof des Neuen Rathauses und stammt von Erich Hauser (1930-2004). Der renommierte Rottweiler Bildhauer hat viel für die Belebung und Präsenz der modernen Kunst in der Stadt getan und war Mitbegründer des überregional beachteten Forum Kunst Rottweil. Die Kunstmeile entlang der Königsstraße ist ein Zeichen für diese Aktivitäten.

Türme über Türme
Was die Silhouette der Stadt prägt sind Sakralbauten wie das Heilig-Kreuz-Münster, die Kapellenkirche mit ihrem berühmten Turm, die Predigerkirche und die Lorenzkapelle. Hinzu kommen Türme, die auf die ursprüngliche, teilweise erhaltene Stadtbefestigung zurückgehen. Da wären der Hochturm, der Pulverturm, Reste des Predigerturms und das innerstädtische Schwarze Tor, einstmals „Waldtor“ genannt und Teil der 1230 von den Staufern errichteten Befestigung. Das Schwarze Tor ist das Wahrzeichen von Rottweil, ein Zentrum der Alemannischen Fasnet. Der Hochturm aus dem 13. Jahrhundert erreicht mit seiner staufischen Buckelquaderbauweise und den spätgotischen Aufbauten eine Höhe von über fünfzig Metern. Er diente einst als Gefängnis, heute wird er als Aussichtsturm genutzt. Wer Ausblicke liebt, ist dort richtig.
Eingereiht in die Skyline der „Stadt der Türme“, wie Rottweil auch genannt wird, hat sich der alles überragende, in der Bevölkerung umstrittene Aufzugstestturm von ThyssenKrupp. Mit diesem Turm ist die Stadt nicht nur um eine Attraktion, sondern auch um ein Attribut reicher: Der Turm bietet ab 2017 die höchste Aussichtsplattform Deutschlands. In seiner Testfunktion ist das von der Stadtmitte aus sichtbare, sich markant über der Landschaft in eine Höhe von 246 Metern hoch schraubende Bauwerk auch eine technische Höchstleistung. Rottweil sucht Anbindung an die Zukunft.

Echte Rottweiler (© Tourist-Info Rottweil)

Echte Rottweiler (© Tourist-Info Rottweil)

Rottweiler Fasnet und Rottweiler Hund
Was die Identität der Rottweiler maßgeblich ausmacht und woran sich viele Bürger beteiligen, ist ihre weit über die Region hinaus bekannte Fasnet. Sie zählt zu den spektakulärsten im schwäbisch-alemannischen Raum und kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Die schon im 15. Jahrhundert urkundlich erwähnten Elemente wie der Narrentanz und das Narrenspiel leben bis heute weiter im „Narrensprung“ und im „Aufsagen“. Das glanzvolle Ereignis zieht alljährlich tausende von Zuschauern an, welche am Fastnachtsmontag und Fastnachtsdienstag jeweils um 8 Uhr auf den Glockenschlag warten, der die Narrensprünge ankündigt. Wenn hinter den Reitern mit der Reichsstadtstandarte und der Stadtkapelle in historischer Tracht die wilden und bunten Horden Rottweiler Narren hüpfend, schreiend und unter Peitschenknallen durch das Schwarze Tor strömen und stürmen, ist Gänsehaut garantiert. Der mehrstündige Maskenumzug mit seiner großen Anzahl an Narren führt durch die gesamte historische Innenstadt und endet am Friedrichsplatz.
Unweigerlich müssen wir am Ende noch auf den Hund kommen. Will sagen: auf den Hund zu sprechen kommen, der den Namen der Stadt trägt. Ein Denkmal des Rottweiler Hundes in Lebensgröße steht vor der ansprechenden Fassade des Stadtmuseums, solide in Bronze gegossen. Gerne lässt man sich davor fotografieren. Auch dieser Hund hat wie die Stadt eine lange Geschichte. Urahnen des Rottweilers sind schon mit ihren römischen Herren in dieses Gebiet gekommen, was durch zahlreiche Funde von Tierknochen aus der römischen Vorgängerstadt Arae Flaviae bezeugt ist. Im Laufe der Zeit wurde durch Paarung mit anderen Hüte- und Treibhunden eine Rasse gezüchtet, die Mut, Wachsamkeit, Stärke, Zuverlässigkeit und Ausdauer in sich vereinte und zum unerlässlichen Begleiter beim Viehtrieb wurde. Lange Zeit war Rottweil ein zentraler Ort des Viehhandels, der in den Händen der Metzger lag, die bei ihren Geschäften ins Elsass, in den Breisgau, durchs gesamte Bodenseegebiet bis ins Berner Oberland kamen. So wurde der Hund bekannt und begehrt. Seinen Namen erhielt er schlicht, weil er aus Rottweil kam. Vermehrt ist der Rottweiler zu einem Begleit- und Familienhund geworden.

Haben wir etwas ausgelassen? Das kann schon sein, bei dieser Fülle an Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten der Stadt. Entspannen wir uns erst einmal nach einem langen, erlebnisreichen Sommertag, nach diesem ausgiebigen Stadtrundgang. Und lassen wir die Eindrücke einfach noch einmal im Geist vorüberziehen, sich setzen.

Mehr dazu: www.rottweil.de

Peter Frömmig