Der Ort Gaienhofen und die Bodenseehalbinsel Höri

Wer die badische Bodenseeregion südlich des Schwarzwalds und des Hegaus besuchen und erkunden möchte, darf die malerische Bodenseehalbinsel Höri nicht auslassen. Die Höri erstreckt sich von Radolfzell bis Stein am Rhein, ragt zwischen Überlinger See und Gnadensee in die blauen Gewässer des Untersees hinein und zeigt mit ihrer Spitze bei Horn hinüber zur Insel Reichenau, auf die Bodenseemetropole Konstanz. Auf die 63 Quadratkilometer der Halbinsel kommen heute etwa zehntausend Einwohner, die sich auf die Gemeinden Moos, Öhningen und Gaienhofen verteilen. Der landeinwärts allmählich ansteigende Schienerberg erreicht eine Höhe von über 700 Meter und steht weitgehend unter Natur- und Landschaftsschutz. Gut, dass die Menschen endlich begreifen, welch hohes Gut die natürlichen Ressourcen darstellen, wie wichtig es ist, sie auch für künftige Generationen zu erhalten. Es versteht sich von selbst, dass hier das umweltbewusste Freizeitangebot so vielfältig ist wie die Gegend selbst.

Auf der Halbinsel Höri konnte Abseits vom Massentourismus die Ursprüngliehkeit einer faszinierend abwechslungsreichen Landschaft, die gleichzeitig Geborgenheit verspricht und ins Offene weist, bewahrt bleiben. In der jüngeren Geschichte hat sich die Höri in ein wahres Arkadien verwandelt, aber eben nicht ohne menschliches Zutun. „Dass hier Arkadien ist“, schreibt der Freiburger Autor Karl-Heinz Ott in seiner „Heimatkunde Baden“, „erlebt man spätestens, wenn es am Wollmatinger Ried entlang durch endlose Pappelalleen auf die Höri hinausgeht und Schilfwiesen, Gemüsefelder, Rebhänge, Holunderbäume, Salat-und Kraut- und Rübengärten weithin die Landschaft prägen,“ Also eine Gegend, die zum selbstvergessenen Lustwandeln wie geschaffen ist, wo man die Seele baumeln lassen, wo man nach dem Alltagsstress die Energien auffrischen, Lebenslust tanken kann. Die Quellen dazu muss einer für sich freilich erst finden, nur. um die halbe Welt zu fliegen braucht er deshalb nicht.

Der Sage nach soll Gott zur Krönung der Genesis den Bodensee sowie als letztes „Sahnehäubchen“ das hügelige, buchten- und tälerreiche Wiesenland zwischen Zellersee und Rheinsee geschaffen haben. Wo diese Entstehungslegende ihren Ausgang genommen hat, ist leicht zu erraten. Jedenfalls soll der Schöpfer nach Vollendung dieses großen Wurfs ausgerufen haben: „Etz hör i auf!“ („Jetzt hör ich auf!*‘). Schon der Dichter Viktor von Scheffel, dem diese Landschaft zur zweiten Heimat geworden war, konnte dies nur bestätigen; „Allum ist’s fein und schön, hier ist vom Weltenschöpfer ein Meisterwerk geschehen“.

Zum Ursprung des Namens „Höri“ gibt es noch eine schlichtere Erklärung; zu Zeiten des Fürstbischofs von Konstanz wurden dessen Besitztümer „Bischofshöri“ genannt, so auch dieser Landstrich. Irgendwann war der Bischof Vergangenheit, aber was blieb, war „die Höri“. Und sie ist es bis heute geblieben. Was die Besonderheit der Bodenseehalbinsel Höri heute ausmacht, ist die Verbindung von Landschaft und Kultur. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts schon zog es zahlreiche, mehr oder weniger bekannte Künstler und Literaten auf der Suche nach Ruhe und Inspiration in diese Gegend, Sie waren es, die die Höri – durch das, was sie mitbrachten und durch ihr Schaffen – erst einer Kulturlandschaft werden ließen. Hermann Hesse war die wohl berühmteste unter diesen Persönlichkeiten, und er ist auch der erste gewesen, der sich hier ansiedelte. Waren es vor hundert Jahren vor allem noch zivilisationsmüde Aussteiger, die zu neuen Kräften finden wollten, wurde die Höri nach 1933 zu einem Zufluchtsort für verfolgte Künstler wie Otto Dix. Erich Heckel oder Max Ackermann; was freilich auch mit der Nahe zur Schweizer Grenze zu tun hatte. Nach dem Krieg ließen sich weitere Kunstschaffende hier nieder, darunter Rudolf Stuckert. Rose-Marie Schnorrenberger und Walter Herzger, Ihren Spuren kann man auf der „Kunstroute Untersee“ nachgehen, mit dem Fahrrad folgen. Im Hermann-Hesse-Höri-Museum, im alten Dorfkern von Gaienhofen zu finden, sind Werke von ihnen zu sehen. Im nahen Hemmenhofen kann man das Wohnhaus von Otto Dix besuchen, und in der Petruskirche in Kattenhorn befindet sich ein Glasfenster des Künstlers.

Nicht nur durch sein Museumsangebot wurde Gaienhofen zu einem Zentrum dieser einmaligen Kulturlandschaft. Bei heutiger Infrastruktur kaum noch vorstellbar, war die Halbinsel Höri vor hundert Jahren noch äußerstes, unerschlossenes Hinterland des deutschen Kaiserreichs, Gaienhofen konnte man zu jener Zeit auch noch lange nicht mit der Eisenbahn erreichen. Als der Schriftsteller Hermann Hesse 1904 den kleinen Ort erstmals aufsuchte, stellte er fest; es gab keinen Laden, keinen Metzger, „nicht mal einen Pfarrer“. Doch es scheint für ihn auf Anhieb genau das Richtige gewesen zu sein, denn hier ließ sich der Wanderer, der Luft-und Unruhegeist bald darauf nieder und schlug sogar Wurzeln. Für Hermann Hesse, er stammte als Sohn eines pietistischen Missionars aus dem württembergischen Calw, tiefdrinnen im Schwarzwald gelegen, muss das Leben auf der Höri sehr befreiend gewesen sein. Photographien aus jenen fernen Tagen zeigen den Dichter als drahtigen Naturburschen in FKK-Pose, ein kleines Kind, einer Putte ähnlich, im Arm.

Vor Gaienhofen war Hesse in Basel Sortimentsgehilfe in einer Buchhandlung gewesen. Nebenbei hatte er sich da schon als Verfasser von Artikeln und Buchrezensionen einen Namen gemacht. Auch der erste große literarische Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: „Peter Camenzind“ heißt die Erzählung, Hesse wurde freier Schriftsteller, heiratete Maria Bernulli, zog nach Gaienhofen am Bodensee und wurde Familienvater. Das Haus, in dem er mit seiner Familie von 1904 bis 1907 wohnte, beherbergt heute das Hermann-Hesse-Höri-Museum. In Dauerausstellungen wird eine Übersicht zu den Literaten und Bildenden Künstlern gegeben, die im 20. Jahrhundert auf der Hori lebten und arbeiteten, ergänzt durch Wechselausstellungen zu aktuellen Themen. Man kann durch die Wohnräume im Haus von Hermann Hesse wandeln, und im Anblick seines Schreibtischs und seiner Schreibmaschine versuchen, sich in die damalige Zeit zu versetzen. Das vorhandene dokumentarische Bild- und Schriftmaterial kann dabei der Phantasie auf die Sprünge helfen. Oberhalb des Dorfes liegt der zweite Gaienhofener Wohnsitz Hesses, wo er sich von 1907 bis 1912 aufhielt. Mit dem „großen Geld“, das er durch den Erfolg seiner ersten Bücher verdiente, erwarb er ein Grundstück im Grünen, Wie folgt hat er es beschrieben: „…die Lage ist sehr schön, Quellwasser ganz nahe, das Ganze 3 Minuten zum Dorf, mit weiter Seeaussicht nach zwei Seiten, Das Häusle wird bis zum 1. Stock massiv gemauert, oben Faehwerk und wahrscheinlich Schindelbekleidung.

7-8 Zimmer ohne Nebenräume. Der Boden.,, gibt einen guten Garten.“ Auch handwerklich begabt, war Hesse umfassend am Hausbau beteiligt. Vor wenigen Jahren wurde das Haus umfassend restauriert. So leuchtet heute wieder die türkisgrüne Schindelfassade über dem Hang, so, wie sie ursprünglich von Hesse angelegt worden war. Das Haus ist nach allen Seiten von einem Garten umgeben, von hieraus kann man bis zum gegenüberliegenden Ufer des Untersees mit dem schweizerischen Dorf Steckborn blicken. Es ist die Verbindung von Zuflucht und Weite, wie sie Hermann Hesse und die ihm Nachfolgenden gesucht hatten. Wie bald nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, im Zuge von aufkommendem Zivili-sationsverdruss und ein hergehendem Wiederaufblühen der „Blauen Blume“, von Intellektuellen und Künstlern ein „Zurück zur Natur“ postuliert wurde, war ein halbes Jahrhundert später das Anliegen der Hippies mit ihrem Protest gegen die Leistungsgesellschaft und dem Raubbau an der Natur, ihrer Gründung von Landkommunen sehr ähnlich. Hermann Hesse, als einer ihrer Vorreiter, hatte im Alter rückblickend noch einmal erklärt: „Damals war ein primitives, nicht zivilisatorisches Leben mein Ziel.“ Nicht verwunderlich, dass er in den 1960er Jahren zum Kultautor der Hippies wurde, seine Bücher in den USA noch weit mehr gelesen und geschätzt wurden als bei uns. In seinem Roman „Roßhalde“ hat Hesse die schwere Ehe- und Lebenskrise verarbeitet, zu der es in Gaienhofen am Ende kam. Es war der Auftakt einer allmählichen, schmerzvollen Befreiung von den Fesseln bürgerlichen Lebens mit Hilfe der Psychoanalyse, was schließlich zur wilden Geburt des „Steppenwolf“ führte, seines stärksten Romans. „Steppenwolf – so nannte sich später auch eine der rauhesten amerikanischen Rock-Bands der amerikanischen Westküste, deren bekanntester Song nicht zufällig „Born To Be Wild“ heißt. Was das alles noch mit dieser kalifornienfernen Bodenseehalbinsel zu tun hat? Bis heute zieht es Künstler auf die Höri, nicht nur brave. Einer unter ihnen ist der Bildhauer Peter Lenk, einer, der gerne „Steine des Anstoßes“ liefert. Er ist nicht nur Schöpfer der heißumstrittenen Konstanzer Imperia-Skulptur, sondern war auch mit seinem „Bodenseereiter“ in Überlingen für eine weitere Provokation gut. Über den etwas abgetakelten Reiter auf altersmüdem Esel war der Schriftsteller Martin Walser, dem die Bronzeplastik gewidmet ist, „not very amused“. Walser ist der berühmteste unter den vielen in der Bodenseeregion beheimateten oder zugezogenen Schriftstellern. Sätze aus seinem hymnischen Aufsatz „Heimatlob“ lassen vermuten, dass er auch mit diesem Eselsreiter auf seine alten Tage gut leben kann: „Es wäre schön, sich nicht auf sich oder sonst etwas konzentrieren zu müssen. Das wäre wahrscheinlich Natur, Paradies usw.“ Ein Stück von dieser Natur, diesem Paradies, wie es nur in der Selbstvergessenheit zu finden ist, bietet sich dem Besucher gewiss auf der Höri. Dort, wo Himmel, Land und Wasser eine Einheit bilden.

Mehr Informationen: www.gaienhoffn.de