Der Schwarzwald von oben Aus der Perspektive des Adlers

Wer den Schwarzwald kennenlernen und verstehen will, tut gut daran, die Landschaft einmal aus der Vogelperspektive zu betrachten. Ein Spatz reicht dafür allerdings nicht aus. Um das Gesamtbild des Mittelgebirges mit all seinen Schluchten und Tälern, Hügeln und Aussichtsbergen zu erfassen, sollte man sich schon in die Position eines Adlers oder Falken begeben.

Titisee und Feldberg im Hochschwarzwald (© 2003 by Erich Spiegelhalter)

Titisee und Feldberg im Hochschwarzwald (© 2003 by Erich Spiegelhalter)

Von hier oben aus gesehen erschließt sich dem Betrachter ein Bild, das jeden Feng Shui-Bewanderten begeistern muss: Im Zentrum als höchste Erhebung der Feldberg und mit ihm eine ganze Reihe weiterer, teils waldfreier Aussichtsberge. Dazwischen immer wieder tief eingeschnittene Täler und breite Schneisen, die für Durchblick sorgen und Transparenz schaffen. Und außen herum weite, flache Ebenen, die durch den Lauf großer Flüsse wie den Rhein, Wutach, Brigach, Neckar und Nagold geschaffen wurden. Über diese hinweg kann der Blick ungehindert schweifen bis in weite Fernen – sei es im Westen zu den Vogesen, im Süden ins französische und schweizerische Jura, vom Hegau bis über den Bodensee zu den Alpen oder nach Osten zur Schwäbischen Alb. Und im Norden fallen die Berge nach Karlsruhe und Pforzheim in ein ausgedehntes Flachland ab. Rings um den Schwarzwald herum aber bilden die Flanken der Vorbergzone stets das stabile, sichere Rückgrat vor der aussichtsreichen Plattform der Niederungen.

Kreuz und quer durchziehen mit der Wiese, der Wutach, der Dreisam und der Elz im Süden, der Wolfach und Kinzig in der Mitte, Rench und Murg im Norden immer wieder rauschende Bergbäche den Wald und zerschneiden den dunklen, finsteren Tann wie eine Furche den Acker. Entlang dieser Lebensadern fanden seit jeher Besiedlung, Reisen und Handel statt. Hoch über diesen steil eingeschnittenen Tälern schwebt es sich spektakulär an den Ziplines der Hochseilgärten, am Kletterseil oder auf der Hängebrücke. Man kann die Aussicht aber auch mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehend genießen, wenn man die passende Aussichtsplattform wählt: beispielsweise einen der zahlreichen Aussichtstürme, einen Baumwipfelpfad oder eine erhabene Felskuppe. Manche dieser Einrichtungen sind sogar bequem barrierefrei erreichbar – teils durch spiralige Anordnung der Pfade, teils durch einen integrierten Aufzug. Ab diesem Herbst wird es unter letzteren sogar ein neues Superlativ am Rande des Schwarzwalds geben: dann nämlich öffnet auf dem Aufzug-Testturm in Rottweil in 232 Metern Höhe Deutschlands höchste Aussichtsplattform und bietet einen grandiosen Rundumblick über die Stadt, den Schwarzwald und – bei gutem Wetter – bis hinüber zu den Alpen.

Andere Regionen im Schwarzwald kommen auch schon ohne Turm auf beachtliche Höhendifferenzen. Allein in Freiburg liegen zwischen der Stadt im Talkessel und ihrem Hausberg, dem Schauinsland mehr als 1.000 Höhenmeter Differenz. Die Stadt Freiburg besitzt dadurch innerhalb ihrer Gemarkung den größten Höhenunterschied unter allen Städten Deutschlands. Und mit der Schauinslandbahn aus dem Baujahr 1930 befindet sich hier zudem die erste und älteste Personenseilbahn der Welt. Sie ist mit 3.600 Metern Länge auch zugleich die längste Kabinenumlaufbahn Deutschlands. In 20 Minuten überwinden ihre Gondeln 746 Höhenmeter – und bringen den Besucher aus der Stadt in luftige 1.220 Meter Höhe – bis knapp unter den Gipfel. Das kann das ganze Jahr über erstaunliche Temperatur- und Wettereffekte mit sich bringen. Und Seilbahnen gibt es rund um den Schwarzwald zu den höchst gelegenen Punkten noch einige weitere.

Das Schönste aber ist und bleibt, selbst abzuheben und sich in die Luft zu schwingen. Wer Wind und Wetter zu nutzen versteht und außerdem kein Problem mit der Höhe hat, für den eröffnen sich rings um den gesamten Schwarzwald mannigfache Möglichkeiten, von den warmen Aufwinden und der Exposition des Geländes zu profitieren. Zahlreiche Flugschulen bieten Rund- und Sonderflüge an, die vom sanften Dahingleiten im Segelflieger,
Heißluftballon oder Zeppelin über Streckenflüge im Hubschrauber, Motor- oder Ultraleichtflugzeug bis hin zum Abenteuererlebnis eines Drachenfluges, Gleit- oder Fallschirmsprungs reichen.

Wie riesige, offene Ohren nehmen die Trichter entlang der Schwarzwaldvorbergzone alles auf, was sich auf sie zubewegt. Die aufsteigenden Wolken stauen sich an den Schwarzwaldbergen und sorgen insbesondere im Frühling und Herbst für lang anhaltende Inversionswetterlagen. Wohl dem, der dann in die Höhe entfliehen und über der Wolkendecke schweben kann. Mit etwas Glück trifft er dort auch das eine oder andere Eiszeitrelikt oder begegnet im Flug einem Kolkraben oder Steinadler. Das nahezu mediterrane Klima in den tieferen Lagen indessen hat über viele Jahrhunderte eine Flora und Fauna hervorgebracht, die der des Mittelmeers kaum nachsteht. Diesen Umstand bringt eine jüngst installierte Info-Tafel im Haus der Natur auf dem Feldberg auf den Punkt. Dort steht: „Der Klimaunterschied zwischen Feldberg und der Rheinebene ist so groß wie zwischen Reykjavik und Pisa.“ Was wäre für solch eine Entfernung eine Seilbahn oder ein Langstreckenflieger vonnöten. Adler müsste man sein…

Reinhold Wagner