Aus der Tiefe des Gesteins Geschichte und Zukunft des Bergbaus im Schwarzwald

Es sind nur wenige Schritte ins Innere des Berges nötig, und die Welt zeigt einem ein völlig anderes Gesicht. Ist es im Winter draußen noch so nass und kalt, im Sommer unerträglich heiß und schwül, die Luft belastet von Ozon und Smog – hier in der Tiefe des Gesteins herrschen gleichbleibend gemäßigte Temperaturen um plus acht bis zehn Grad Celsius und eine reine, völlig staub- und keimfreie Atmosphäre. Kein Wunder, zieht es heute Jahr für Jahr nicht nur Scharen neugieriger Besucher, sondern auch von Allergien, Haut- und Atemwegserkrankungen geplagte Patienten und Kurgäste regelmäßig in die ehemaligen Stollen der einst zahlreichen Bergwerke im Schwarzwald. Während manche seit Jahrzehnten für die Öffentlichkeit zugänglich sind und ein Stück lebendige Bergbaugeschichte erzählen, erlangen andere erst allmählich ihre Wiedergeburt im Zuge neuester Funde oder steigender Wertschätzung als Orte der Event- und Erlebniskultur, wissenschaftlicher Forschung oder medizinischer Therapie.

Hier gibt es die mächtigsten Stalagmiten Deutschlands: Erdmannshöhle Hasel (© Michael Trefzer)

Hier gibt es die mächtigsten Stalagmiten Deutschlands: Erdmannshöhle Hasel (© Michael Trefzer)

Das war bei Weitem nicht immer so. Die Ursprünge des Bergbaus im Schwarzwald reichen zurück in Zeiten, die geprägt waren von Armut, Hunger, mangelnder Hygiene und einem harten, entbehrungsreichen Leben inmitten einer nur schwer zugänglichen, dünn besiedelten Landschaft. Was mussten Bergleute im tiefsten Mittelalter da für Freudensprünge gemacht haben, als sie hier und da auf ergiebige Erzgänge und Adern stießen, deren Abbau Ansehen und Reichtum versprachen. Allen Städten voran nahm Freiburg schon früh eine zentrale Rolle an als Abbau-, Sammel- und Handelsplatz für sämtliches im Schwarzwald gefundene Silber. Hier wurde der erste Rappen geprägt – eine Münze, deren Wert dank seines hohen und reinen Silbergehalts bis nach Belfort und Straßburg geschätzt und die weithin als Währung eingesetzt wurde. Das noch lange, bevor der Schweizer Rappen erfunden wurde, ja, ehe es das Nachbarland überhaupt gab.

Der Abbau von Silbererz seit dem Mittelalter, der teilweise noch bis in die Neuzeit hineinreichte, war für den wirtschaftlichen Aufschwung im gesamten Schwarzwald unbestritten der bedeutendste. Genau genommen aber war er nicht der erste – und auch nicht der letzte. Tatsächlich fanden Archäologen im Markgräflerland Spuren erster bergbaulicher Tätigkeiten bereits aus der Jungsteinzeit, also von vor mehr als 5.500 Jahren. So wurde in Kleinkems bei Efringen-Kirchen seinerzeit Jaspis – eine Art Feuerstein – abgebaut, in Sulzburg Hämatit. Zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert lassen sich erste Anzeichen und Dokumente finden über Erzabbau im Schwarzwald. Die Regionen um Sulzburg, Bad Dürrheim und Stühlingen waren hingegen reich an Salzen und Gips, was zumeist über Bohrtürme erschlossen werden konnte. Die größte Bedeutung für den Schwarzwald aber hatte letztlich der Erzabbau im Mittelalter.

„Entdeckt hat man geeignete Stellen für den Bergbau oft dadurch, dass im Geröll der Schmelzwasser von Flüssen und bei oberflächlichen Bodenuntersuchungen auffallend bunte Spuren von Metallen aufgefunden wurden“, weiß der Freiburger Juwelier und Bergbau-Enthusiast Berthold Steiber aus jahrzehntelangen Recherchen. „Wo Probegrabungen zum Erfolg führten, entwickelten sich dann ganze Bergbau-Siedlungen, und es wurden zu deren Schutz Burgen errichtet. Nicht selten kam es dabei zu kriegerischen Auseinandersetzungen über die Gewinnungsrechte.“

Im Nordschwarzwald finden sich früheste Zeugnisse des Abbaus von Eisenerz aus der Zeit der Römer und Kelten. Sie haben schon im 5. Jahrhundert vor Christus bei Neuenbürg damit begonnen, Erz abzubauen und in Eisenhütten, unter anderem bei Pforzheim, Waffen und Werkzeug zu schmieden. Die hohe Qualität des Neuenbürger Stahls war auch im späteren Mittelalter gefragt, kam sie doch dem englischen sehr nah, dem damals anerkannt besten der Welt. Neubulach erlebte seine Blütezeit zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert mit dem Abbau von Silber und Kupfer. Heute befindet sich dort neben einem Besucherbergwerk auch ein eigens eingerichteter Therapiestollen, der Linderung bei Atemwegserkrankungen verspricht. In Freudenstadt wurde vom 15. bis ins 17. Jahrhundert vorwiegend Silber abgebaut. Entdeckt wurde die Grube erst durch einen Zufall im Jahr 1998. Aus der ehemaligen „Friedrichs-Fundgrube“ wurde das Besucherbergwerk „Heilige Dreikönige“. Reich an Silber, Kupfer und Schwerspat war einst auch die Grube „Himmlisch Heer“ in Dornstetten-Hallwangen.

Sie erlebte dadurch mehrere Phasen des Abbaus, der Stilllegung und der Wiederaufnahme der Bergbautätigkeiten mit moderneren Geräten und Methoden, wie sie für viele der Bergwerke im Schwarzwald typisch sind. Erst im Jahr 1912 wurden letzte Arbeiten wegen Unwirtschaftlichkeit eingestellt. Das Besucherbergwerk öffnete im Jahr 2000 als eines der jüngsten im Schwarzwald. Nachdem dieses Jahr der Durchbruch in einen zweiten Stollen gelang, können ab der Saison 2017 von den Besuchern 400 Meter Strecke über zwei Sohlen „befahren“ werden. Zu den noch jungen Besucherbergwerken dieser Region gehört auch das „Silbergründle“ in Seebach mit seinem rund 167 Meter langen Stollen, der einen relativen Reichtum an Mineralien aufweist und daher schöne Farb- und Körnungsmuster zeigt.

Eingang zum Bergwerk Hallwangen (© Bergwerk Hallwangen)

Eingang zum Bergwerk Hallwangen (© Bergwerk Hallwangen)

Im Kinzigtal, und damit dem zentralen Schwarzwald, ist der Abbau von Erzen ab dem 11. Jahrhundert belegt. Es wird aber davon ausgegangen, dass dies bereits viel früher begann. Die Geschichte lässt sich im Bergbaufreilichtmuseum Erzpoche in Hausach nachverfolgen. Zu den bedeutendsten historischen Bergwerken dieser Region zählt die Silbergrube „Segen Gottes“ in Haslach-Schnellingen. Hier sind heute drei von vier Sohlen ehemals silberführender Schwer- und Fluss-Spat-Adern zugänglich. Daneben finden sich Kristalldrusen, Sinterspuren und Stalaktiten aus Eisenocker, wie sie ansonsten nur in Tropfsteinhöhlen anzutreffen sind. Diese aber gibt es sonst nur am Dinkelberg, bei Hasel und ferner entlang der Schwäbischen Alb.

Die größte Schwerspat-Abbaustätte im Schwarzwald mit dem ergiebigsten Fluss-Spat-Vorkommen in ganz Deutschland ist zugleich die einzige noch heute in Betrieb befindliche: die Grube Clara in Oberwolfach. Dort werden die begehrten Mineralien im Tiefbau mit riesigen Kipplastern aus den labyrinthartig verzweigten Gängen eines mehr als 20 Kilometer weit reichenden Spalten- und Gangsystems gekarrt. Besuchern ist der Zutritt in diese Welt allerdings verwehrt. Eine Vorstellung von dem Ganzen erhält man aber beim Besuch des Mineralien- und Mathematikmuseums in Oberwolfach, wo es ein Modell der Grube Clara gibt. Zu besichtigen aber ist die Grube Wenzel, und das auch für Familien mit Kindern sowie Schwerbehinderte.

Grube "SegenGottes" im Bergwerk Schnellingen-Haslach (© Reinhold Wagner)

Grube “SegenGottes” im Bergwerk Schnellingen-Haslach (© Reinhold Wagner)

Im Südschwarzwald ist man als Besucher seit einiger Zeit geradezu verwöhnt, was die Möglichkeiten dort angeht. Gilt doch das Silberbergwerk „Teufelsgrund“ in Münstertal als das älteste unter allen 14 Besucherbergwerken im Schwarzwald und zugleich als eines der modernsten. Es bietet – ganz gemäß den heutigen Vorstellungen – barrierefreien Zutritt in ein großräumiges System von Hohlräumen, das auf einstigen Reichtum an Erz und Fluss-Spat schließen lässt. Ein Museum und ein Asthma-Therapiestation ergänzen das Angebot. Nicht weit davon entfernt öffnete im Jahr 2000 mit dem „Hoffnungsstollen“ in Todtmoos das jüngste Besucherbergwerk des Südschwarzwalds. In ihm sind zwei übereinander gelegene Stollen durch zwei Wendeltreppen miteinander verbunden. Bei Sexau wurden in der „Carolinengrube“ silberhaltige Blei- und Kupfererze aus Schwerspat-Gängen abgebaut, deren Entstehung aufsteigendem Thermalwasser aus großen Tiefen zu verdanken ist. Dies erklärt sich aus den tektonischen Aktivitäten um den Oberrheingraben und die gesamte Vorbergzone des Schwarzwalds. Ähnlich entstanden auch die Erz- und Mineralgänge bei St. Ulrich und Badenweiler, im Glottertal und im Suggental. Die „Grube Erich“ in Waldkirch-Suggental ist das einzige Besucherbergwerk Baden-Württembergs mit einer Tagschachtförderung.

Die Grube „Finstergrund“ bei Wieden nimmt ihre Besucher mit auf eine Fahrt im „Zügli“, der Grubenbahn, der eine ebenfalls rund einen Kilometer lange Erkundung des Stollens auf dem Fußweg folgt. Dabei wird ein druckluftbetriebener Bohrhammer vorgeführt und eine Sprengung simuliert. Auch Wurfschaufellader können bestaunt werden sowie Minerale, die unter UV Licht im Dunkeln magisch leuchten. Neu und bislang einzigartig sind „Geopunkte“, die an auffälligen Stellen im Stollen geologische Besonderheiten erläutern.

Das größte und gewaltigste Besucherbergwerk des Schwarzwalds ist das Museums-Bergwerk Schauinsland. Dort hatdas unermüdliche Team der Forschergruppe Steiber um dessen Namensgeber Berthold Steiber seit 1976 in mehr als 250.000 Arbeitsstunden ein unterirdisches Stollensystem von rund 30 Kilometern Länge über 22 Etagen freigelegt, von dem – immerhin – etwa zwei Kilometer den Besuchern in Führungen zugänglich sind. „Und das sind“, betont Berthold Steiber, „gerade einmal zwei Prozent der Gesamtlänge von stolzen 100 Kilometern, die bis zur Stilllegung 1954 in über 800 Jahren Bergbaugeschichte einst am Schauinsland aufgefahren wurden.“ Die Besucher erwartet ein entsprechend vielfältiges Angebot an Führungen und Gelegenheiten, die Welt unter Freiburgs Hausberg ausgiebig zu erkunden: vom Kindergeburtstag über familiengerechte bis hin zur abenteuerlichen 2,5-Stunden-Führung, die mehrere Auf- und Abstiege über Leitern umfasst. Es darf angenommen werden, dass es der Forschergruppe auch heute und in Zukunft an Arbeit und Engagement nicht fehlt. Und tatsächlich: es stehen nicht nur immer wieder innovative Neuerungen bevor, zu denen auch schon zeitweise die Idee einer „Ferienwohnung im Berg“ gehörte, und die mit der Erschließung von untertägigen Trinkwasservorkommen, Fahrten mit dem Grubenzug und der Vorführung von druckluftbetriebenem Bohrhammer und Wurfschaufellader noch lange nicht ausgeschöpft sind. Es geht aber noch um wesentlich mehr. Und da erhellen sich Steibers Gesichtszüge, als der Betreiber des besucherstärksten Schwarzwälder Museums-Bergwerks und Kopf der renommierten Forschergruppe Steiber beginnt, von seinem jüngsten Forschungsauftrag zu berichten.

Grubenzug im Museums-Bergwerk-Schauinsland (© Museums-Bergwerk Schauinsland)

Grubenzug im Museums-Bergwerk-Schauinsland (© Museums-Bergwerk Schauinsland)

Vor dem langfristigen Ausblick in die Zukunft des Museums-Bergwerks am Schauinsland aber sei zum näheren Verständnis nochmals ein kurzer Rückblick in die jüngere Bergbau-Vergangenheit gewährt. Dazu erläutert Steiber: „In den 1930er Jahren hat man überall im Gestein nach den Dingen gesucht, die damals benötigt wurden. Das waren seinerzeit neben den metallischen Rohstoffen wie Silber, Kupfer, Blei und Zink auch die Industrieminerale Schwer- und Fluss-Spat.“ Nachdem die Ausbeute an Erzen und Industriemineralen in der Mehrzahl der Bergwerke nicht mehr lukrativ war, wurde der Bergbau immer wieder eingestellt. So lange, bis neue Geräte und Methoden für eine weitere kurze Zeit einen erneuten kleinen Aufschwung brachten. Oder so lange, bis einzelne, extrem seltene und nur in winzigen Mengen vorhandene Spurenminerale ein starkes Interesse nach sich zogen, da sie in der modernen Technik von ausschlaggebender Bedeutung waren. Dieses neue Feld beschäftigt die Gedanken der großen Industrie- und Forschungsbetriebe heute weltweit umso mehr, je abhängiger man sich von globalen Märkten und deren Monopolstellungen macht. Angesichts weltweiter Krisen und Spannungen, dadurch bedingt stark schwankender Rohstoffpreise, aber auch zunehmender Abhängigkeiten und Konkurrenzsituationen wird in mehr und mehr Bereichen nach langfristigen Alternativen gesucht, wie man möglichst autark und wettbewerbsfähig bleibt. Jüngstes Beispiel: die vielen Spurenminerale und Hightech-Edelmetalle, die in der Handy-, TV- und Computerwelt verbaut werden und deren Recycling gegenüber dem begrenzten Vorkommen und Neuerschließen in der Natur mehr und mehr an Bedeutung gewinnen. „Derzeit besonders gefragt ist zum Beispiel Germanium“, weiß Berthold Steiber. Das Halbmetall findet Verwendung in der modernen Elektronik ebenso wie in der Optik und der Medizin. Umso riskanter könnte sich langfristig eine nahezu ausschließliche Abhängigkeit vom mit weitem Abstand führenden Exportland China erweisen, sollte sich die wirtschaftspolitische Situation ändern.

Der Auftrag an die Forschergruppe Steiber kam daher ganz offiziell aus Berlin und soll noch in diesem Jahr zu ersten Probennahmen führen. Es geht dabei im Wesentlichen darum, im Hinblick auf einen langfristigen Erhalt der Unabhängigkeit von Marktkonkurrenten, Vorhandensein und Abbauaufwand dieses heiß begehrten Rohstoffs am Schauinsland zu prüfen. Und so darf Steiber mit seinem Team im offiziellen Auftrag des Bundesamts für Rohstoffwesen in Hannover noch dieses Jahr zu Bohrhammer und Sprengstoff greifen, um unter Forschungsgesichtspunkten dem Freiburger Hausberg erneut auf den Zahn zu fühlen. „Ganz im kleinen, wissenschaftlichen Rahmen und als Vorsorge für eine nachhaltige Zukunft“, will Steiber diese neuerlichen bergbaulichen Tätigkeiten verstanden wissen. Eines aber ist damit sicher: auch in der nahen und fernen Zukunft wird das Thema „Bergbau im Schwarzwald“ nie völlig ausgestorben und vergessen sein. Der Schwarzwald war, ist und bleibt ein wichtiges Revier und ein kompetenter Ansprechpartner für den Bergbau.

Reinhold Wagner

Infos und Adressen

Landesbergbaumuseum Sulzburg www.sulzburg.de
MiMa – Museum für Mineralien und Mathematik, Oberwolfach: www.mima.museum
Museumsbergwerk Schauinsland: www.schauinsland.de